Rapier – Lagonda en miniature

Rapier9

Lagonda – Eine Kurzhistorie

Lagonda – ein Name der sanft über die Lippen fließt und unwillkürlich an einen ruhig dahingleitenden Fluss denken lässt. Doch so beschaulich wie der Lagonda in Ohio, von diesem kleinen Fluss stammt der Name ab, war die Geschichte der Firma aus Staines an der Themse nie.

Als der Firmengründer Wilbur Gunn gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts beschloss von Ohio nach England auszuwandern hatte er eigentlich eine Karriere als Opernsänger im Auge. Doch ein Leben ganz der Kunst zu widmen, kann – heute wie damals – ein ziemlich brotloses Unterfangen sein. Schon 1899 gründete Gunn die Lagonda Engineering Company und baute erfolgreich kleine Dampfboote. Später folgten Motorräder und Trikes. Ab 1907 wurden die ersten Automobile produziert, die allerdings überwiegend für den russischen Markt bestimmt waren. In England selbst wurde die Marke erst mit dem Lagonda 11,1 HP im Jahre 1913 bekannt. Der 11,1 HP hatte schon eine teilselbstragende Karosserie und der Motor konnte mit hängenden Einlassventilen aufwarten. Bis 1926 wurde der Wagen gebaut und dabei ständig weiterentwickelt.

Als Dunn 1920, erst 61jährig, starb, übernahm General Metcalfe Lagonda und Dunns langjähriger Mitarbeiter Alfred Henry Cranmer  leitete die Firma. Unter ihrer Verantwortung entstand 1926 der 14/60 HP, den Arthur Davidson konstruierte. War auch das Fahrwerk eher konventionell ausgelegt, der Motor war ein technisches Meisterwerk. Die Zweilitermaschine des Vierzylinders war aus einem Guss. Der abnehmbare Zylinderkopf besaß halbkugelförmige Brennräume und der Horizontalvergaser zerstäubte alle 100 Kilometer nur 9,5 Liter Benzin. Zwei ziemlich hoch angebrachte Nockenwellen übernahmen die Steuerung der im Kopf hängenden Ventile. Natürlich konnte die etwas behäbige 60 PS Maschine die sportbegeisterten Engländer nicht so recht überzeugen. Schon ein Jahr später erschien das Speedmodell mit höher verdichtetem Motor und 70 PS unter der Haube, für das ab 1931 ein Cozette – Kompressor geordert werden konnte, der die Leistung um nochmals 15 PS steigerte.

Von da an ging es Schlag auf Schlag. Etwa zeitgleich mit dem Zweiliter – Speedmodell bot Lagonda seinen ersten Sechszylinder mit langem Radstand  an. Dem 16/65 war allerdings nur ein mäßiger Erfolg beschieden.  1929 folgte der 3 Litre, von denen einige sogar mit dem komplizierten und teuren Maybach Doppelschnellgang – Getriebe mit acht Vorwärts- und vier Rückwärtsgängen ausgestattet waren, das später durch den Wilson – ENV – Preselector ersetzt wurde.

Im Jahre 1935, als Lagonda Konkurs anmelden musste, standen den Kunden fünf Modelle zur Auswahl. Darunter die fantastischen und extrem schnellen M45 und M45 Rapide mit ihren hochgezüchteten Meadows 6ESC Aggregaten aber eben auch der kleine Rapier mit seinem ingeniösen Vierzylindermotor. Der kleine Flitzer war mit seiner Spitzengeschwindigkeit von 130 km/h übrigens etwa so schnell, wie der zeitgleich angebotene 3,5 Litre “Z” mit seiner Sechzylinder – Maschine.

Lagonda Rapier 1933

Lagonda Rapier 1933

Einer der wenigen, die in den krisengeschüttelten dreißiger Jahren noch das Geld hatten sich so ein Luxusprodukt wie einen Lagonda gönnen zu können, war Alan P. Good. Er konnte sich allerdings noch etwas mehr leisten, denn Good übernahm das am Boden liegende Werk in Staines und stellte kurzerhand W.O. Bentley als Chefkonstrukteur ein. Getreu nach Bentleys Motto: “Nur das Beste, Größte und Schnellste” –  wurde das Programm gestrafft. So ist es logisch, dass nur der M45 und der M45R übrig blieben. Nach gründlicher und leistungsteigernder Überarbeitung entstanden daraus LG45 und LG45 Rapide. Der LG45R war mit 173 km/h Spitze wohl der schnellste nicht aufgladene Serienwagen seiner Zeit.

Bentleys Meisterleistung war ohne Frage der OHC 60° V 12 Lagonda, den er zusammen mit Stuart Tresilian entwickelt hatte. Der über 160 km/h schnelle Luxusliner beschleunigte in weniger als 10 Sekunden auf 80, besaß hydraulische Bremsen und vordere Einzelradaufhängung. Parallel dazu gab es, für all diejenigen, die sich den V 12  nicht leisten wollten oder konnten, den LG6 mit dem alten Meadows – Aggregat in sonst identischer Ausstattung.

Nach dem Krieg endet die glanzvolle Zeit von Lagonda. Bentley sah wohl, dass die Zeit der großvolumigen Luxusautomobile vorerst vorbei war. Er entwickelte für 1946 einen DOHC – Sechszylinder mit 2,5 Litern Hubraum. Doch die wirtschaftliche Lage in England sorgte, wie schon in den Dreißigern, dafür, daß nur die stärksten überlebten. 1947 übernahm David Brown Lagonda und vereinigte die Marke mit Aston Martin zur Aston Martin Lagonda Ltd. mit Sitz in Newport Pagnell.