Ferrari 250 GT SWB

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Musikalisches Intermezzo

Die drei Webervergaser saugen gierig nur durch grobmaschige Siebe gefilterte Luft an. Zwölf Kolben, 24 Ventile, zwei obenliegende Nockenwellen und vier Auspuffrohre sind weitere Solisten eines Orchesters, dessen Darbietung zu einem unvergesslichen Erlebnis wird. Von überflüssigen Dämmmaterialien unbehelligt trifft die Komposition des Colombo – Zwölfzylinders mit den Testa Rossa Köpfen auf die Ohren von maximal zwei Zuhörern. Vergleichbar ist das Klangerlebnis wohl am ehesten mit Ravels Bolero, dessen ruhiger und besinnlicher Anfang schon die Kraft und das Potential des Stückes erahnen lässt und das in einem furiosen und elektrisierenden Finale gipfelt.

Obwohl es sich bei der silberblauen Ferrari Berlinetta um eine Competition Version handelt, gibt sich der 3 Liter – Zwölfzylinder auch im normalen Stadtverkehr keine Blöße. Dumpf und gleichmäßig grollt Maschine bei Tempo 50 im vierten Gang des in Porschelizenz gebauten Getriebes vor sich her, verschluckt sich nicht, neigt auch beim ständigen Stop and Go nicht zur Überhitzung. Doch kaum hat man die Stadtgrenzen hinter sich gelassen, zeigt der kleine Ferrari was in ihm steckt. Ein leichter Tritt aufs Gaspedal und dann – für einen Lidschlag lang setzt so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm ein – folgt ein heiseres Bellen das sich zu einem markerschütternden Geheul am Drehzahllimit steigert.

Doch anders wie beim reinen Musikgenuss, entwickelt sich die Tour in ein Festival der Sinne. Die rapide Beschleunigung von 280 wilden Pferden presst die Insassen in die recht  komfortablen Ledersitze, heiße Luft, angereichert mit den Düften von Benzin, Öl und Gummi, dringt vom Motorraum in die Fahrgastzelle. Schweiß steht auf der Stirn; zwischen den Händen und dem filigranen Holzlenkrad bildet sich langsam aber sicher ein rutschiger Feuchtigkeitsfilm. Doch es ist nicht Anspannung oder Schwerstarbeit hinter dem Volant die diese Absonderung von Körperflüssigkeit verursachen, sondern Hitze. Denn der Ferrari ist kein Auto, das besiegt werden will, das dem Fahrer auch physisch alles abverlangt. Das untersteuernd ausgelegte Fahrwerk mit der hinteren Starrachse ist absolut berechenbar und lässt die Berlinetta wie auf Schienen ihren Weg ziehen. Die Schaltung ist präzise, die Fichtel & Sachs Einscheiben – Trockenkupplung erstaunlich leichtgängig.

Jetzt wird klar, wie sich Fahrer wie Abate, Moss, Rodriguez, Gendebien und Co. in diesem überlegenen und zuverlässigen Auto gefühlt haben müssen, als sie Sieg um Sieg und Platz um Platz hereinfuhren. Gleichzeitig erkennt man auch die Intention Enzo Ferraris, einen Wagen zu bauen, der sich auf den Rennstrecken der Welt ebenso wohl fühlte wie auf den verstopften Straßen Roms.