Edsel – Ain’t nothin‘ but the Blues

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Form follows function

Brown begann seine Laufbahn bei der Konkurrenz. Er unterbreitete Bill Mitchell von GM seine Vorstellungen vom Outfit des 1940er Cadillac. Mitchell gefielen sie so gut, dass einer Einstellung nichts im Wege stand. Nach dem zweiten Weltkrieg verließ Brown General Motors um als Farbberater in der Glasindustrie zu arbeiten. Zusätzlich stylte er für und mit Bob Bingman, dem Chef der Industriedesign – Abteilung bei GM, vom Hubschrauber bis zum Kühlschrank alles was das Herz begehrte. Doch die Liebe zum Automobil ließ ihn nicht los und so ging er 1953 zu Ford. Leiter von Fords Kreativabteilung war damals George W. Walker, von Mitarbeitern und Kollegen mit liebevollem Spott als der Chrom-Cellini bezeichnet.

Edsel Cabriolet 1959

Walker setzte ein hohes Maß an Vertauen in seinen relativ neuen Mitarbeiter, als er Brown für diesen verantwortungsvollen Job vorschlug.

Brown sollte ein Fahrzeug entwerfen, das sich eindeutig von der automobilen Masse distanzierte. Um sich bewusst zu machen, was sich so auf den amerikanischen Strassen bewegte, ging der frischgebackene Chefdesigner mit seinem Team auf die Strasse. Alle unterschiedlichen Modelle die sie zählten, es waren 19, hatten eines gemeinsam. Der Kühlergrill war horizontal angeordnet und nahm die ganze Wagenfront ein. Und da gerade das ,Gesicht“ eines Autos ausschlaggebend für die Wiedererkennung einer Marke ist, denken Sie an den Spitzkühler mit Stern beim Mercedes, die BMW-Niere oder Ettore Bugattis Hufeisenkühler, fiel Brown die Entscheidung leicht. Das Thema der Front musste vertikal sein, ebenso wie das Heck einen Kontrast zu den aufragenden Flossen der GM – Produkte bilden musste.  Die ersten Entwürfe Browns sollen außergewöhnlich gewesen sein. Eine spitz zulaufende, schildförmige Kühlerattrappe dominierte die Front. Versteckte Lufteinlässe unterhalb der Stossstange sollten für die notwendige Frischluftzufuhr zuständig sein.  Aber auch bei Ford hieß es: Form follows function. Die Techniker befürchteten Ventilationsprobleme und bestanden auf einen funktionellen Lufteinlass. Zusätzlich glätteten die Kostenrechner die, ihrer Meinung nach, überflüssigen und zu teuren Karosserierundungen. Ein Kompromiss sollte gefunden werden. So machten sich Roy Brown und sein Team mit Hochdruck an die Arbeit.

Edsel Werbung

Edsel Werbung

Inzwischen musste jedoch eine weitere vorrangige Aufgabe gelöst werden.  Das jüngste Kind der Ford Motor Company braucht einen Namen. Denn die aus dem Arbeitsnamen ,Projekt E“ , wie experimental, entstandene E-Division – oder Special Products Division, wie sie offiziell genannt wurde – hatte damals noch keinen Bezug zum späteren Produkt, dem Edsel. Aus ungefähr 20 000 Vorschlägen selektierte eine Arbeitsgruppe 16 mögliche Alternativen. Die mit der Werbung für die neuen Fahrzeuge beauftragte Chicagoer Agentur Foote, Cone & Belding lieferte übrigens allein 18 000 Namensvorschläge.

Eine daraufhin folgende Meinungsumfrage unter Verbrauchern ließ vier Favoriten erkennen. Corsair, Citation, Ranger und Pacer lagen eindeutig an der Spitze der Konsumentengunst. Doch diese Namen schienen dem Ford Management, allen voran Ernest Breech, nicht stark genug auf die Muttergesellschaft hinzuweisen. So entschied sich die Konzernleitung, ganz gegen den Willen der Familie Ford und aller Marktforschungsergebnisse zum Trotz, für Edsel. Die Spitzenreiter der Umfrage sollten für die unterschiedlichen Modellreihen reserviert werden.

Wieso gerade Edsel? Nun, Edsel Ford, der Sohn des Firmengründers und Vater des jetzigen Präsidenten, war von 1918 bis zu seinem frühen Tod im Mai 1943 Präsident der Ford Motor Company. Ein Präsident allerdings, dessen Machtbefugnisse nicht sehr weitreichend waren, denn Henry Ford ließ es sich bis ins hohe Alter nicht nehmen, sein Imperium persönlich zu leiten. Doch einiges hat Edsel bewirken können. So sorgte er dafür, dass es für Fords Tin Lizzy zahlreiche Sonderaufbauten gab. Diese Karosserien wurden meistens von der Briggs Body Company gefertigt, für das Design zeichnete jedoch Mr. Ford jun. verantwortlich.

Diese Sonderaufbauten konnten übrigens in allen Farben geordert werden und verweisen dieweitverbreitete Meinung, wonach ein Model T grundsätzlich schwarz sein müsse, ins Reich der Legende. Diese Einschränkung galt nur für die üblichen Serienprodukte, weil alle anderen Farben zu langsam trockneten und so den Fertigungsablauf empfindlich störten. Ferner war Edsel federführend am Design des stromlinienförmigen Lincoln Zephyr und des exklusiven Lincoln Continental beteiligt. Beides außergewöhnliche Fahrzeuge, die in den dreißiger und vierziger Jahren einiges an Aufsehen erregten.

Doch der Name Edsel Fords war in den späten fünfziger Jahren eventuell noch in Detroit und Umgebung ein Begriff, der restliche Teil der Staaten konnte mit diesem ungewöhnlichen Namen absolut nichts anfangen. Der erste Sargnagel für das neue Produkt war schon mit dieser Entscheidung eingetrieben worden. So sah es auch Gayle Warnock. In einem Memo an Krafve schrieb er sinngemäß: Wir haben gerade beschlossen, 200 000 Fahrzeuge weniger zu verkaufen.

Als der erste Edsel 1957 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde war die Fachpresse – begeistert. Das Design war ihrer Meinung nach gelungen und komfortabler konnte ein Auto dieser Preisklasse nicht sein. Mit seinem senkrecht stehenden, ovalen Kühlergrill unterschied es sich von allen anderen Fabrikaten dieser Zeit. Die in die Kotflügel integrierten Frontscheinwerfer und die dem Front-End angepassten Blinker sollten sich im nachhinein als Trendsetter erweisen. Pietro Frua verwendete ähnliche Konstruktionen beim Glas 2600 V8 und beim Maserati Quattro Porte. Heckleuchten und Bremslichter waren augenbrauenförmig in die Heckflossen eingelassen. Eine ungewöhnliche stilistische Lösung, die aus Sicherheitsüberlegungen resultierte. Hoch angeordnete Bremslichter sind halt besser zu sehen. Die elegante, in zwei Farben lackierte und mit viel Chrom verzierte Karosserie entsprach voll dem Geschmack jener Epoche. Panoramaverglasung und Innenraum im beliebten Juke-Box-Style rundeten das Bild ab. Rundinstrumente und ein Kreiseltachometer kennzeichneten das avantgardistische Armaturenbrett. Eine weitere Besonderheit charakterisierte serienmäßig die Top Modelle Corsair und Citation. Die Fahrstufen des Dreigang – Automatikgetriebes konnten über Teletouch – Drucktasten auf der Lenkradnabe angewählt werden.

Vier Modellreihen mit 18 Einzelmodellen sollten dem Kunden alles bieten, was sein Herz begehrte. Vom zwei- oder viertürigem Sedan über Convertible Coupès bis hin Station Wagon war für jeden Geschmack und Bedarf etwas dabei. Die Preise dafür lagen zwischen $ 2500 und $3800, deckten also die Lücke zwischen Mercury und Lincoln ab. Angetrieben wurden die Edsel durch 5,9 oder 6,7 Liter V8 Motoren mit 303 oder 345 SAE-PS. Später wurde die Triebwerkspalette um einen 3,6 Liter Sechszylinder und weitere V8 Aggregate erweitert. Eines hatten die Maschinen gemeinsam. Für eine bedarfsgerechte Kühlung sorgte ein neuentwickeltes dreistufiges Kühlsystem. Das Wasser zirkulierte zuerst nur im Zylinderkopf, dann wurde der Flüssigkeitsumlauf um den Zylinderblock erweitert. Erst wenn die korrekte Betriebstemperatur erreicht war, schloss sich der Kühlkreislauf und bezog auch den Kühler mit ein.