Cord 810- Eine Designikone

cord 810

Not macht erfinderisch

Kaum jemand kann sich vorstellen, daß dieses schöne und luxeriöse Auto in Zeiten extrem knapper Kassen entstanden ist. Buehrig wußte, die Karosserie durfte nicht teuer werden und zeigte der Autowelt, daß ein Künstler selbst mit knappem Budget großes zu leisten vermag. Das Auffälligste war wohl am Cord seine schlichte Eleganz und Sportlichkeit, hervorgerufen durch eine klare, schnörkellose Linienführung. Die niedrige und langgestreckte Bauweise, ermöglicht durch den Frontantrieb, hob diesen Eindruck hervor. Platz und Bequemlichkeit bot der Cord in reichlichem Maße. Trittbretter fehlten nicht nur aus ästhetischen Gründen. Sie waren wegen der niedrigen Bauweise schlichtweg überflüssig. Selbige gewährte den Insassen zudem viel Kopffreiheit. Gründlich aufgeräumt hatte Bührig auch mit der damals landläufigen Vorstellung von einer Motorhaube und einem Kühlergrill. Das Auge des Betrachters fand an besagten Stellen einfach nichts Gewohntes. Stattdessen streckte sich ihm eine lange sargähnliche Motorhaube entgegen, deren Spitze wie eine Aligatorschnauze wirkte. Sie war vorne zu öffnen und hatte auch in offenem Zustand etwas Tierisches an sich. Anstelle des sonst formal doch recht ähnlichen automobilen Identifikationszeichnens „Kühlergrill“ zierten nun parallel umlaufende Belüftungsschlitze den Frontpart ohne den Kühlerkern erkennen zu lassen.

Glitzernde Chromleisten lenkten zudem von den Öffnungen ab. Das waren übrigens bis auf die beiden Schutzkappen an den hinteren Kotflügeln die einzigen Verzierungen an der Außenhaut des Cords. Auch die Verkleidung des vor dem Motorraum liegenden Frontantriebs wirkte sauber und schlicht. Als Blickfänger gerieten auch die dem Flugzeugbau entlehnten vorderen Kotflügel. Ähnlich gestaltet waren die Radkästen vieler Flugzeuge.

In die Kotflügel versenkbare Scheinwerfer trugen eine Menge zur glattflächigen Erscheinung bei. So etwas war damals eine Sensation und wurde erst Jahrzehnte später wieder als Gestaltungselement eingesetzt. Glattflächigkeit, was ja auch aerodynamische Vorteile versprach, war das wesentlichste Formprinzip beim Cord. So hatte Buehrig auch die Rückleuchten im Fließheck eingebettet, den Tankverschluß eingelassen und mit einem Deckel versehen und auch die Türscharniere verdeckt. Das fand man noch nicht einmal am Chrysler Airflow, der damals als das amerikanische Stromlienienfahrzeug schlechthin galt. Alles in allem gaben die aerodynamisch wirkende Schwingenform der Kotflügel, die lange „Sargnase“, die niedrige Fensterfront und die tiefe und klare Linie dem Cord etwas Futuristisches, damals wie heute. Aber nun, Schönheit hat immer mit Geschmack zu tun, und der ist naturgemäß eine ganz individuelle Sache. Nur, ein Auto, dessen Formgebung so lange Zeit, also von vielen Generationen bewundert wird, muß etwas ganz Besonderes und Gelungenes sein. Lebewesen altern, Modeerscheinungen werden irgendwann abgelöst, sind überholt. Dieser Cord aber in seiner schlichten, großflächigen Eleganz bleibt zeitlos schön. Wie bei einer La Pavoni realisiert sich in ihm ein ästhetisches Prinzip, das wohl einen Nerv des grundsätzlichen menschlichen Geschmackempfindens getroffen hat.

Kritik an der formalen Gestaltung gab es nur wegen des kleinen, geteilten Frontfensters der Limousine. Es hatte dicke Mittel-und Seiteneinfassungen und war niedrig gebaut, damit man es zwecks besserer Ventilation nach vorne aufdrücken konnte. Dafür nahm man schlechte Sichtverhältnisse in Kauf. Ein anderes Problem bereiteten bei den ersten Cordmodellen die unter dem Fenster vor der Motorhaube sitzenden Einfüllstutzen für Öl und Wasser. Darüber gerieten die Angestellten der Service-Stationen so häufig in Konfusion, daß sie später zwecks Schonung des Motors unter die Motorhaube verlegt wurden. Geschmack zeigte Buehrig auch bei der Innenraumgestaltung. Das Armaturenbrett soll das Schönste sein, das jemals in einen amerikanischen Serienwagen eingebaut wurde. Große, gut lesbare und gut platzierte Rundinstrumente auf einem verchromten Armaturenbrett erinnern mehr an ein Cockpit als an die Kommandozentrale eines Autos. Mit diesem Outfit sollte vor allem die Sportlichkeit des Cord herausgestrichen werden.

Originell war auch der winzige Fingertip-Schalthebel mit  dem die vier Gänge des synchronisierten Vorwahlgetriebes mit elektromagnetischer Vakuumschaltung gewählt wurden. Einen vierten Gang, den Overdrive zu haben, gehörte übrigens zu Cords Zeiten für einen Serienwagen durchaus zum Luxus. Der Umgang mit der technisch recht aufwendigen Schaltung bedurfte allerdings viel Feingefühl und Geduld, da es manchmal eine Weile dauern konnte bis der Vorwahlmechanismus den gewünschten Gang einklingte. Sportliches Schalten war beim Cord also nicht möglich. Zu den kleinen Ärgerlichkeiten zählte die etwas lärmige indirekte Übersetzung und ein Problem mit dem ersten Gang. Durch das harte Vakuumschalten lösten sich manchmal kleine Metalsplitter und beschleunigten so die Abnutzung. Auch die Ölpumpe des Getriebes machte ab und an bei hohen Geschwindigkeiten Schwierigkeiten. Wenn das Getriebeöl aufschäumte, quittierte diese nämlich gerne mal ihren Dienst.