Benelli 750 Sei

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Die  Auslieferung erfolgte später als geplant

Der Motor sollte 76 PS bei 9000 U/min leisten und das Bike auf über 200 Sachen in der Stunde beschleunigen. Doch bis die ersten Kunden in den Genuss der Sei kommen konnten, sollten noch ein paar Jahre vergehen. Erst 1975 konnten Interessenten die Benelli erstmals ordern, allerdings mit weit geringerer Leistung als ursprünglich geplant.

Inzwischen war einiges geschehen. De Tomaso sollte seinem Ziel – eine Verquickung der italienischen Motorradindustrie – einen ganzen Schritt näher kommen. 1973 übernahm er die ebenfalls stark angeschlagene Motorradschmiede Moto Guzzi in Mandello del Lario am Comer See. Es gab viel zu tun für den nun größten Motorradhersteller Italiens. Die Produktlinien beider Häuser mussten aufeinander abgestimmt, die Fertigung optimiert und neue Modellreihen in den Klassen unter 500 ccm entworfen werden.

Zusätzlich wurden Plagiatsvorwürfe laut. Der Motor der Sei wäre eine ziemlich exakte Kopie der Honda CB 500 – nur eben mit zwei Zylindern mehr. Das stimmte auch in weiten Teilen. Das Kurbelgehäuse und auch die Anordnung des Ölfilters zwischen den inneren Auspuffkrümmern weisen eindeutig auf das asiatische Vorbild hin. Auch die Mechanik des Antriebsaggregats ist weitestgehend identisch: Die obenliegende Nockenwelle betätigt über Kipphebel die Ventile und wird über eine Steuerkette von der gleitgelagerten Kurbelwelle angetrieben.

Benelli 750 Sei Motor

Benelli 750 Sei Motor

Doch Unterschiede liegen ja bekanntlich im Detail. Bei der Sei ist es der Primärtrieb, der den Motor von der Honda unterscheidet. Eine Zwischenwelle ist zwischen Kurbelwelle und Getriebe eingebaut. Sie ist hinter den Zylindern angeordnet und wird von einer Zahnkette angetrieben. Diese Welle treibt dann die Lichtmaschine an. Diese Lösung wird als bahnbrechende Erfindung gefeiert – allerdings erst Jahre später bei der Honda CBX.

Als die Benelli dann 1975 endlich käuflich zu erwerben ist, hatte de Tomaso seine Fertigung optimiert. Der Motor der Sei wurde in Mandello bei Guzzi gebaut, die Produktion des Fahrwerks und die Endmontage erfolgte in Pesaro.

Das Fahrwerk war typisch italienisch hart und kompromisslos sportlich ausgelegt. Allerdings war die Motorleistung für den Export nach Deutschland – Motobecane übernahm den Vertrieb – auf 58 PS geschrumpft. Amerikanische Kunden hingegen konnten sich über satte 72 PS freuen.

Leider traten bei der ersten Serie massive Qualitätsmängel auf. Der Motor selbst war ein Vorbild an Laufkultur mit reichlich Kraft schon im unteren Drehzahlbereich. Doch die Getriebe der Benellis zerlegten sich regelmäßig. Das hatte zur Folge, dass das ganze Innenleben des Kraftwandlers neu überarbeitet werden musste. Schmierung und Mechanik wurden komplett revidiert und neu gestaltet. Dennoch blieb die Schaltung der Benelli Sei immer ein Problemkind mit kleinen Macken.

Die Benelli Sei stand ganz im Zeichen italienischer Motorradbaukunst. Der erste Seriensechszylinder vereinte vorbildliches Design mit sportlichen Fahreigenschaften. Hinzu kommen die kleinen Unzulänglichkeiten die ein solches Motorrad liebenswert machen.

Die Sei ist heute ein ausgesprochenes Sammlerstück, denn nur etwa 2000 Exemplare verließen in der Zeit von 1972 bis 1977 die Werkshallen in Pesaro.